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Update: ich wurde am Dienstag nach der Loveparade live am Duisburger Tunnel aus von N24 interviewt:

Dance or Die. Inoffizielles Motto der Loveparade 2010 in Duisburg!

Dance or Die! Inoffizielles Motto der Loveparade 2010 in Duisburg.

Zwischen 16.20 und 16.35 waren Sarah, Miriam, Lukas und ich im überfüllten Tunnel und konnten selbst erleben, wie sich dort langsam eine Massenpanik entwickelt und aufgewiegelt hat. Insbesondere aufgrund der Tatsache, dass sich im niedrigen Tunnel viel schneller ein Gefühl der Enge einstellt, kam es zu verstärktem Gedrängel, Menschen, die rückwärts durch die entgegenkommende Menge einen Ausgang suchten und Gedränge von Menschen, die sich vorwärts schubsten.  Primär aufgrund fehlender Kommunikation seitens der Polizei und nichtvorhandener Ausschilderung entstand unnötige Verwirrung!

Tunnel zum Loveparade Gelände um 16.19

Tunnel zum Loveparade Gelände um 16.19 – Alle drücken vorwärts, kein Hinweis auf die Abbiegung nach links, die direkt auf das Gelände führt!

WAS allerdings schon zu dem Zeitpunkt absolut fatal war, war dass es keinerlei Durchsagen oder Erklärung für den Stopp gab. Schon bei der ersten Absperrung drängten die Leute vorwärts und wollten wissen, warum es nicht weiter geht. Hätte man einmal eine Durchsage gemacht, dass man in ein paar Minuten weiterkommt, hätten die Leute sicherlich nicht so gedrängt, sondern einfach abgewartet, dass es weitergeht. Die Stimmung war nämlich grundsätzlich sehr friedlich und entspannt.schreibt meine Begleitung Miriam in ihrem ausführlichen Loveparade-Blogpost

und wir entschieden uns nicht den vermuteten Weg zum Loveparade-Gelände geradeaus durch den Tunnel, sondern einen vermeintlichen Ausgang nach links einzuschlagen, der nur von wenigen benutzt wurde.

Sehr überrascht waren wir, als es sich herausstellte, dass diese Rampe den offiziellen Weg zum Festivalgelände darstellte. Dieses wurde der Menge weder durch Schilder noch durch Durchsagen der Polizei kommuniziert, auch wenn es das Gedrängel deutlich reduziert und den Abfluss der Leute aus dem Tunnel beschleunigt hätte.

Loveparade - Tunnel vor dem Eingang um 16:19

Loveparade – Tunnel vor der Eingangsrampe um 16:19 – Beklemmende Enge und beginnende Massenpanik

Lukas ist direkt auf dieser Rampe zur tatenlos herumstehenden Polizei gegangen und hat sie mit klaren Worten darauf aufmerksam gemacht, dass die Menschen im Tunnel an der Schwelle zu einer Massenpanik stehen und bat diese mit Durchsagen über den korrekten Eingang zu informieren.

Ob und wie dieses passierte, können wir nicht beurteilen, da wir nach der Enge des Tunnels den auf dem Loveparade-Gelände sehr großzügig bemessenen Platz, die gute Stimmung und die Musik genossen. Merkwürdig war nur, dass es – trotz reichlich vorhandener Freifläche – einfach nicht voller werden wollte und – als wir kurz dort vorbeigingen – die Eingangsrampe leer und im Tunnel nur einige Krankenwagen zu sehen waren. In Feierlaune ignoriert man derartige Signale, wie auch das komplett überlastete o2-Netz, dass es unmöglich machte die ansonsten üblichen Fotos bei Facebook und Twitter hochzuladen…

Loveparade Party um 17:28

Loveparade Party um 17:28 – gute Stimmung, sobald man es auf den Platz geschafft hatte

Erst um 18.19 kam die erste SMS einer Freundin durch, die mich über Massenpanik und (zu diesem Zeitpunkt) 10 Tote informierte. Plötzlich ergaben auch die ‚missed call‘ Nachrichten von ansonsten nie anrufenden Bekannten Sinn und die Gedanken überschlugen sich, während die Leute um einen herum scheinbar weiterfeiern. Nur langsam bemerkt man, dass auch andere nicht extatisch feiern, sondern betroffen auf ihre Telefone gucken oder mit Freunden diskutieren…

Loveparade Gelände um 18:28 mit viel Platz für weitere Besucher

Loveparade Gelände um 18:28 – noch viel freier Platz für weitere Besucher – es war nie wirklich voll!

Wie wohl alle anderen auch, blieben wir erstmal auf dem Gelände, versuchten Freunde und Verwandte über SMS, Facebook & (vergebliche) Anrufe zu beruhigen und miteinander ein weiteres Vorgehen zu finden.

Erst gegen 21.30 gingen wir in einer seltsamen Endzeitstimmung feiernd langsam Richtung Ausgang…

Es wäre übertrieben aus persönlicher Teilnehmer-Sicht die – scheinbar auf Seiten der Planungsausschüsse – liegende Schuldfrage beantworten zu wollen, aber man sollte nicht aus den Augen verlieren: zwischen kritischer Situation und Katastrophe sind die Grenzen fließend und kleinste Detail können den Unterschied machen. Bei der Loveparade 2008 in Dortmund gab es wohl kritische Situationen, aber keine Katastrophe. Am 24. Juli 2010 in Duisburg hatten einige Menschen weniger Glück und es kam zum GAU. Ein beherzter Polizist hätte an diesem Tag mit der richtigen Durchsage zum richtigen Zeitpunkt zum Helden werden und die Massenpanik eindämmen oder verhindern können, aber leider ist das nicht erfolgt.

Ich wäre nicht überrascht, wenn die Untersuchungs-Ausschüsse auch katastrophale Fehler im Polizeieinsatz aufdecken, da diese trotz zahlenmäßiger Omnipräsenz in entscheidenden Momenten schlicht und einfach in ihrer Leitungsfunktion versagt haben…

P.S. beklemmende Aufnahmen von der (5-10 Minuten vorher freien) Rampe gibt es auf diesen zwei Youtube-Videos: von der linken Seite der Rampe filmt ab 16:57 deathparade2010:

und von der rechten Seite filmt aggrostar69 um 16.40, also weniger als 15 Minuten, nachdem wir sie verlassen haben!?!